Regisseur Schlingensief ist tot

Christoph Maria Schlingensief (* 24. Oktober 1960 in Oberhausen; † 21. August 2010 in Berlin) war ein deutscher Film-, Theater- und Opernregisseur, (Hörspiel)-Autor, Aktionskünstler und Talkmaster.

Der Theaterregisseur und Drehbuchautor Christoph Schlingensief ist nach zweieinhalbjähriger Krankheit einem Krebsleiden erlegen.

Der Künstler verstarb am Samstag zwei Monate vor seinem 50. Geburtstag am 24. Oktober. Dies bestätigte ein Sprecher der Ruhrtriennale in Mülheim der Nachrichtenagentur DAPD. Schlingensief war einer der wichtigsten Ideengeber für die deutschsprachige Kulturszene, und auch im Ausland einer der bekanntsten deutschen Künstler. Seine Inszenierungen, Filme und Aktionen waren wegen ihrer politischen und künstlerischen Radikalität oft sehr umstritten.

Seine im Januar 2008 diagnostizierte Lungenkrebs-Erkrankung schilderte der für Provokationen bekannte Künstler in Tagebuchform unter dem Titel «So schön kanns im Himmel gar nicht sein!». Bis vor kurzem blieb Schlingensief bei seiner Arbeit: Sein für die diesjährige Ruhrtriennale geplantes Stück «S.M.A.S.H. – In Hilfe ersticken» musste er aber Anfang Juli absagen – wegen einer neuen schweren Krebsdiagnose.

Film, Theater, Oper, Blog und Kunstaktionen zugleich

In den letzten Jahren arbeitete Schlingensief oft gleichzeitig an unterschiedlichen Projekten in den Sparten Film, Theater, Oper, Blog, Interviews, Prosa sowie Kunstaktionen und Videos. Im kommenden Jahr sollte Schlingensief erneut Künstler für den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig sein. Die Kuratorin Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, lobte ihn im Mai als «einen der ganz wesentlichen Künstler dieses Landes». Schon 2003 hatte der Künstler in Venedig eine «Church of Fear» als Reaktion auf den Irak-Krieg eingerichtet.

Geboren wurde er am 24. Oktober 1960 in Oberhausen. Er wuchs nach eigenem Bekunden in einem «extrem kleinbürgerlichen Elternhaus» auf. Sein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München fand er zu langweilig – er brach es nach sieben Semestern ab. Lieber drehte er Filme, unter anderem «Das deutsche Kettensägenmassaker», «Terror 2000» und «Die 120 Tage von Bottrop – Der letzte Neue Deutsche Film».

1996 war Schlingesief erster Aufnahmeleiter bei der ARD-Soap «Lindenstrasse», wo er «grauenhafte Erfahrungen» machte, wie er sagte. 1993 debütierte er als Regisseur an der Berliner Volksbühne. Später war er als Hausregisseur tätig war.

Er führte Schauspieler, Behinderte und Laien zu einer Truppe zusammen. Sein Stück «Schlacht um Europa» wurde 1997 von «Theater Heute» zum besten deutschsprachigen Stück gekürt. Zu einem Eklat kam es bei der Documenta 1997, als Schlingensief das Plakat «Tötet Helmut Kohl!» präsentierte.

Sein «Parsifal» wurde Kult

Schlingensief mischte auch selbst in der Politik mit: 1998 trat er mit seiner Partei «Chance 2000» zur Bundestagswahl an und machte mit Aktionen wie «Anti-Kanzler-Baden» am Wolfgangsee in Österreich, dem Urlaubsort des damaligen Kanzlers Helmut Kohl, auf sich aufmerksam. Ziel war es, mit den damals rund sechs Millionen deutschen Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen.

Mit der Aktion «Ausländer raus – Bitte liebt Österreich» vor dem Wiener Opernhaus sorgte er ebenfalls für Schlagzeilen. In Anlehnung an «Big-Brother» waren in Baucontainern Asylbewerber untergebracht. Die Aktion dominierte über Wochen die politische, mediale und öffentliche Diskussion in der Alpenrepublik. Der Sieger bekam die Option, durch Heirat österreichischer Staatsbürger zu werden.

Zwischen 1997 und 2002 moderierte Schlingensief im Fernsehen medienkritische Formaten wie «Talk 2000» und «U 3000». Bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen 2004 inszeniert Schlingensief den Parsifal, seine erste Oper. Die Neuinterpretation des Bühnenweihefestspiels gilt mittlerweile als «Kult-Inszenierung».

Am Schauspielhaus Zürich verwirklichte Schlingensief gemeinsam mit ausstiegswilligen Neonazis den «Hamlet»(2001), seine einzige Klassikerinszenierung. Ebenfalls in Zürich inszenierte er «Attabambi – Pornoland» (2004).

Zusammengerechnet habe er knapp 80 Stücke, Theater und Aktionen – ohne die ganzen Filme und Installationen, Objekte, Bilder und Skulpturen geschaffen, sagte Schlingensief Anfang Januar. Er sei stolz auf das Archiv, das seine Freunde erstellt hätten. Die filmischen Arbeiten hätten immer im Zentrum seines Denkens gestanden. «Ich glaube, es geht nichts verloren, Das hab ich als grösste Erleichterung.»

(jcg/ddp)

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